Wie können wir Geld neu gestalten?

Die neuesten Erkenntnisse der Biologie und Komplexitätsforschung zeigen, dass erst die Kombination von Vielfalt und Effizienz die Nachhaltigkeit eines Systems gewährleistet. So ist die Belastbarkeit eines reinen Fichtenwalds geringer ist als die eines Mischwalds. Die Wirtschaftswissenschaften sind bisher blind für diese Erkenntnis und versuchen mit einem einzigen Geldsystem alle gesellschaftlichen Zwecke zu erfüllen. Um die Umsetzung sozialer und kultureller Ziele zu fördern, brauchen wir aber ergänzende oder komplementäre Währungen. Sie sind auch Hoffnungsträger für eine neue nachhaltige Ökonomie.

von Prof. Dr. Margrit Kennedy

 

Das Problem in unserem gegenwärtigen Geldsystem ist, dass Geld immer exponentiell wächst, während die Realwirtschaft an einer Obergrenze aufhört zu wachsen. Die meisten glauben, irgendwo höre jedes Wachstum einmal auf. Das ist in Bezug auf unser Geldsystem der folgenschwerste Irrtum, denn in unserem heutigen System ist die Geldmenge praktisch unbegrenzt erweiterbar. Erst wenn viele Menschen das Vertrauen in das System verlieren, kommt es zum Zusammenbruch.

Genau das aber könnten wir verhindern, wenn wir Geld neu gestalten. Denn Geld - eine der genialsten Erfindungen der Menschheit - ist eben ein völlig künstliches, von Menschen gemachtes und von Menschen veränderbares System. Neben der Zielsetzung unseres heutigen Geldsystems aus Geld mehr Geld zu machen, können wir Möglichkeiten schaffen es für lokale oder regionale, soziale, ökologische und kulturelle Zielsetzungen und damit für ein qualitatives statt quantitatives Wachstum zu nutzen.

Seit die ersten Regiogeldsysteme kurz nach der Jahrtausendwende in Deutschland und Österreich entstanden sind, hat sich ihre Zahl bis heute im Jahr 2010 vervielfacht. Über dreißig Initiativen haben bereits eine eigene Währung herausgegeben, etwa weitere dreißig arbeiten daran. Die Umsetzung unterschiedlicher Modelle hat in einem Jahrzehnt zur Erkenntnis geführt, dass das Konzept funktionieren kann. 

Das Dilemma, in dem wir uns heute befinden ist folgendes: Wenn wir regional einkaufen, bezahlen wir oft mehr, als wenn wir Produkte aus Billiglohnländern einkaufen und sind ökonomisch die Dummen. Wenn wir Billigprodukte kaufen, sind wir ökonomisch gesehen klüger, aber wir schaden der Region und damit uns selbst. Wie wir es auch machen, es ist immer verkehrt. Man bezeichnet das als ‚Gefangenendilemma’ in der Ökonomie. Wir versuchen jetzt durch die regionalen Geldsysteme aus diesem Dilemma herauszukommen und zu zeigen, dass es sozial und ökonomisch ein Vorteil sein kann, in der Region einzukaufen. Natürlich kann man auch mit dem Euro regional einkaufen. Ob das der Nächste tut, steht aber in seinem Ermessen. Bezahlt man dagegen mit Regiogeld, wird auch der Nächste wieder in der Region einkaufen und damit die regionale Wertschöpfungskette stützen. 

Fast alles, was wir zum Überleben brauchen, können wir in der Region ökologisch sinnvoller und damit langfristig auch preiswerter herstellen. Dazu gehören: Die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln, die Energieerzeugung aus regenerativen Quellen, die sinnvolle Rückführung von Abwasser und Abfällen in den Naturkreislauf, den Bau von Häusern, die Herstellung von Kleidung und Möbeln. Dasselbe trifft auf viele Dienstleistungen zu: Von der Bildung bis zur Krankenpflege, von der Verwaltung bis zur Bildung, vom gastronomischen Service bis zu kulturellen Veranstaltungen. Ein beabsichtigter „Nebeneffekt“ der Umsetzung dieser Vision ist die Wiederherstellung einer größeren Vielfalt von kulturellen, baulichen und naturräumlichen Zusammenhängen.

Die Vorteile von Regionalgeld sind erfahrungsgemäß, dass das Geld schneller umläuft. Man hat festgestellt, dass die Regionalwährung ‚Chiemgauer’ etwa dreimal so schnell umläuft, wie der Euro. Also bringt er eine entsprechende höhere Wertschöpfung in der Region und die regionale Wirtschaft wird gefördert. Man kauft statt Käse aus Holland eben Käse aus der Region. So hat der Käseverkäufer ein Einkommen, und zweitens gibt er es auch wieder in der Region aus. Es etablieren sich ein neuer Kreisläufe, der bislang nicht existierten. 

Regionalgeld als komplementäre – d.h. ergänzende – Währung schließt nicht aus, dass wir mit unserem Euro weiterhin Kleider aus China und Wodka aus Russland kaufen oder über das Internet mit der ganzen Welt Kontakt aufnehmen. Was es aber zusätzlich erlaubt, ist eine bewusste Entscheidung für die Stärkung des regionalen Lebensraumes, so dass das wirtschaftliche Ausbluten dieses Lebensumfeldes aufhört.

Regionalwährungen können helfen, eine Reihe von Vorteilen zu realisier

  1. Sie erlauben eine teilweise Entkoppelung der Region von der globalisierten Wirtschaft 
  2. Wertschöpfung und Überschüsse bleiben in der Region
  3. Die Arbeitslosigkeit kann verringert werden
  4. Sie stärken die regionale Identität und fördern die Übernahme von Verantwortung und Zusammenarbeit 
  5. Es entstehen engere Beziehungen zwischen Konsumenten und Produzenten
  6. Transportwege werden reduziert und Energie eingespart
  7. Vorhandene Ressourcen werden genutzt
  8. das Angebot an Sozialleistungen oder Waren wird vergrößert und verbessert.

Das herkömmliche Geld kennt, wie wir in der heutigen Krise gerade wieder deutlich erfahren, keinerlei Sozialbindung oder Moral, und schadet – als weltweites Spekulationsmittel eingesetzt – immer häufiger allen, auch denen, die oberflächlich betrachtet davon profitieren. 

Anstelle sozialer Programme, die sich mit dem Transfer finanzieller Ressourcen von Reich zu Arm begnügen, kann Regionalgeld als ein völlig neuer Weg, dem Anspruch auf soziale Leistungen und mehr soziale Gerechtigkeit genügen. Wenn es einmal eingeführt ist und funktioniert, kann es sich letztlich selbst finanzieren, ohne den Staatshaushalt, bzw. den Steuerzahler zusätzlich zu belasten. Das heißt, es kann den Wohlfahrtsstaat teilweise ersetzen ohne selbst ein Wohlfahrtssystem zu sein. Es ist in diesem Sinne ein hoch innovatives Selbsthilfemittel, welches durch kreatives Handeln im Sinne einer „kollektiven Intelligenz“ die Eigeninitiative von einzelnen und Gruppen fördert, ihren Selbstwert und damit insgesamt unser „Sozialkapital“ stärkt.

Aus dem Zusammenspiel globaler und regionaler Geldsysteme ergeben sich – aus der Sicht der Initiator/Innen – wichtige praktische Möglichkeiten auf dem Weg zu einer ausgeglichenen, den Menschen dienenden und von Menschen beherrschbaren Globalisierung.

Website: http://www.margritkennedy.de/