Nachhaltigkeit in der Praxis

Über den Perfektionswahn in unseren Supermärkten

Alleine die Deutschen werfen jedes Jahr 15 Millionen Tonnen Lebensmittel weg. Das Essen, das auf den Müllkippen Europas landet, würde gleich zweimal für die Hungernden dieser Welt reichen. Die globalen Zusammenhänge dieser maßlosen Verschwendung zeigt Autor und Regisseur Valentin Thurn in seinem packenden Dokumentarfilm „Taste the Waste“. Im Interview spricht er darüber, warum Essen mehr als ein „Nebenbei-Ding“ sein sollte, weshalb wir uns vom kosmetischen Perfektionswahn der Lebensmittelindustrie manipulieren lassen und warum er sich schon mal eine Woche von Marktresten ernährt hat.

Redaktion: Ihr Film beginnt mit einer Container-Szene. Haben Sie selbst schon einmal etwas aus dem Müll gefischt?

Valentin Thurn: Diese jungen Leute waren diejenigen, die mir die Augen geöffnet haben. Ich nenne sie mal „Mülltaucher“, nach diesem ironischen amerikanischen Begriff „Dumpster diver“. Beim Drehen kommt man natürlich auch mit den Gegenständen in Kontakt, die sie aus den Containern heraus holen. Wenn man anschließend beim Kochen dabei ist, isst man schon mal mit. Einen persönlichen Background in dieser Richtung habe ich nicht. Wobei: Es gibt eine Erfahrung, die ich als 18-Jähriger gemacht habe, die nicht mit Mülltonnen zu tun hat, aber mit den Marktresten. Mir und meinen Freunden ging damals im Sommerurlaub in London das Geld aus. Eine Woche bis zur Rückreise wollten wir probieren, ohne Geld zu leben. Und ich muss sagen: Das war sehr einfach! Die entscheidenden Tipps kamen von Obdachlosen. Wir mussten nicht in Mülltonnen steigen. Es reichte, auf den Markt zu gehen. Genauso wie heute wurden da zum Beispiel kistenweise Pfirsiche weggeworfen, auch wenn nur zwei, drei davon faulig waren.

Redaktion: Sie haben sich also von Obdachlosen inspirieren lassen. Und, wie hat’s geschmeckt?

Valentin Thurn: Es war wunderbare Qualität! Wir waren viele Leute und es war trotzdem immer was übrig. Diese eine Woche war allerdings eine ziemliche Obstdiät, weil wir uns eben nur auf den Märkten ernährten und nicht in die Supermarkt-Container gestiegen sind. Auf so eine Idee wäre ich damals gar nicht gekommen. Vielleicht hätte es mich aber auch geekelt, weil Tonnen eben riechen. Da gehört schon eine Überwindung dazu. Aber wie gesagt: Die jungen Leute, die das machen, haben mir die Augen geöffnet. Das war für mich der Startpunkt zu sagen: Moment mal, warum vernichten die Unternehmen Warenwerte?! Da begann ich mit der Recherche.

Redaktion: Wann war das?

Valentin Thurn: Das war vor vier Jahren. Es gab zu dem Zeitpunkt keine konkreten Zahlen zu diesem Thema in Deutschland. Aber in England und Österreich gab es Studien, die sich damit beschäftigt haben. Mit meinem Team habe ich dann versucht, das Bild, das sich mir darbot, auf Deutschland zu übertragen. Die Konsumgesellschaften sind sehr ähnlich gestrickt.

Redaktion: Was haben Sie selbst zuletzt weggeworfen? Und was war das?

Valentin Thurn: Man wirft täglich weg. Das lässt sich leider nicht vermeiden. Heute beim Frühstückstisch lag ein Stückchen Brot noch auf meinem Teller, weil ich los musste. Da hatte ich zu viel abgeschnitten. Die Planung selbst bei einem kleinen Frühstück ist leider manchmal nicht perfekt.

Redaktion: Gibt es denn in der ganzen Essensthematik ein Klischee, das Sie nicht mehr aufgetischt bekommen wollen?

Valentin Thurn: Mittlerweile ist es nicht mehr so. Aber als wir angefangen haben zu drehen, gab es tatsächlich Handelsunternehmen, die gesagt haben: Wir werfen gar nichts weg. Oder: Wir geben alles der Tafel. Ich finde das allzu platt. Wir haben es ihnen schon damals nicht geglaubt und inzwischen ist die Diskussion zum Glück weiter. Der Handel hat eine Scharnierfunktion zwischen uns und der Landwirtschaft und deshalb eine ganz zentrale Bedeutung. Aber wenn er allerdings so in den Fokus gerät, dass man denkt, es sind die, die am meisten wegwerfen, dann ist es auch falsch. Es gibt nicht den Bösewicht, der irgendwo in den Handelsetagen sitzt. Die Unternehmer werfen nichts freiwillig weg. Sie versuchen, sich betriebswirtschaftlich zu optimieren. Wir haben einen Angebotsüberfluss innerhalb des Wettbewerbs. Das können die Unternehmer nur reduzieren, wenn wir Verbraucher mitwirken. Das ist ein vertracktes System, in dem es eine geteilte Verantwortung gibt.

Redaktion: Die Lebensmittel in den Supermärkten sind im Überfluss da und extrem genormt. Äpfel müssen mindestens 5,5 Zentimeter Durchmesser haben, krumme Gurken sind out, große Kartoffeln ein Tabu. Werden wir für so einfältig gehalten oder sind wir wirklich so?

Valentin Thurn: Wir werden manipuliert. Wir sind verführbar. Das ist das ganze Problem. Wir müssen uns klarmachen, dass wir unsere Kaufentscheidungen nicht nach rationalen Gesichtspunkten fällen, sondern nach emotionalen. Und der Handel weiß das genau. Nichts ist so gut untersucht, wie das Einkaufsverhalten des Konsumenten. Daneben gilt: Je weiter wir von der Landwirtschaft entfernt sind, desto weniger wissen wir gute von schlechten Produkten zu unterscheiden. Also greifen wir zu solchen Krücken, wie der rein optischen Beurteilung. Im Supermarkt sieht man ja oft eine Reihe Äpfel, die aussehen wie geklont. Da sind natürlich viele längst aussortiert worden. Sorten, deren Haut nicht so schön glänzt möglicherweise aber viel aromatischer sind, kommen gar nicht mehr zum Verkauf. Viele alte deutsche Apfelsorten sind verschwunden oder so selten geworden, dass sie im Verkauf gar nicht mehr zu sehen sind. Da muss man sich aber auch an die eigene Nase packen: Würde ich denn einen Apfel, der nicht so schön aussieht, nehmen? Wenn ich den nicht kenne, wahrscheinlich schon gar nicht! Es ist ein beiderseitiger Prozess. Ich kann ja nicht sagen: Handel, du bist dran schuld, du bietest es nicht an. Aber der Handel bietet es nicht an, weil die Kundschaft dazu fehlt. Und der Kunde, der es vielleicht kaufen würde, kann es nicht kaufen, weil der Handel es nicht anbietet. Da gehören beide Seiten dazu...

Redaktion: ... und Sie haben mit „Taste the Waste“ eine Verbindung zu beiden Seiten geschaffen. Bei manchen Szenen ist man als Zuschauer fassungslos. Gab es für Sie Überraschungsmomente oder Übelkeitsmomente, wo sie dachten: Jetzt habe ich eigentlich gar keine Lust, noch mehr zu erfahren?

Valentin Thurn: Es gibt schon einen sehr strengen Geruch in diesen Biogasanlagen, muss ich schon sagen. Ammoniakgeruch, den man auch tagelang danach nicht aus den Kleidern kriegt. Das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Aber am meisten schockierte mich, was in der Landwirtschaft aussortiert wird. Das habe ich nicht erwartet!

Redaktion: Diese 50 Prozent Kartoffeln, die auf den Feldern liegen bleiben zum Beispiel?

Valentin Thurn: Genau. Wir haben in den vergangenen Wochen zum Beispiel viele Kochaktionen mit Klassen gemacht. Jedes Mal sind wir am Tag davor mit Schülern auf die Felder gegangen. Das, was die Landwirte aussortiert haben, durften wir zum Kochen mitnehmen. Kürbisse etwa, wo die Häschen dran geknabbert haben oder wo ein unschöner Fleck dran war. Das können die Landwirte einfach nicht vermarkten, das nimmt ihnen niemand ab. Leider gibt es dazu keine valide wissenschaftliche Untersuchung, aber die Landwirte, haben bestätigt: Je nach Produkt sind es ein Viertel, ein Drittel bis zur Hälfte der Ernte, die sie aussortieren. Die Bio-Bauern leider noch mehr. Denn für die ist das noch schwerer, die Normen zu erreichen. Selbst im Bio-Supermarkt gibt es auch den Trend zu diesem kosmetischen Perfektionswahn!

Redaktion: Eine Szene aus dem Film: Ein Großhandel sortiert täglich Unmengen Lebensmittel aus. Drum herum wird eine Mauer gebaut, damit niemand etwas mitnimmt. Warum schmeißen wir Essen lieber weg, als es den Armen zu geben?

Valentin Thurn: Es gibt Unternehmen, die da ihre Verantwortung sehen und ihre Reste oder einen Teil davon den Tafeln spenden. Die haben sicherlich den kleinen Vorteil, dass sie nicht den Müll entsorgen müssen. Aber das ist nicht der Hauptgrund. Denn ist ja leider billiger, zu entsorgen, als andere Wege zu suchen.

Redaktion: Warum eigentlich?

Valentin Thurn: Wenn man die Lebensmittel spendet, dann müssen Leute aus dem eigenen Unternehmen anpacken. Da muss man organisieren, das Essen auf der Rampe bereitstellen. Das sind Arbeitskosten. Und die Müllabfuhr ist einfach so billig. Das wäre eine der Lösungen: Das Entsorgen von Lebensmitteln müsste man eigentlich teurer machen, damit die Unternehmen andere Wege suchen. Aber es gibt auch viele, die der Tafel einfach nichts geben wollen. Es ist ja auch niemand dazu gezwungen. Nachvollziehbar, wenn Unternehmen knallhart betriebswirtschaftlich denken. Andererseits ist es nicht gerade gesellschaftlich verantwortlich. Denn mit all diesen Lebensmitteln, die da weggeworfen werden, schmeißt man auch unglaublich viel Aufwand weg: Alleine das Wasser, das für den Anbau gebraucht wurde, ist verloren. Und es sind umsonst Mengen an Klimagasen in die Atmosphäre gegangen. Die intensive Landwirtschaft produziert fast ein Drittel aller Klimagase...

Redaktion: Eine zentrale Botschaft des Films ist „Wir sollten uns mäßigen“...

Valentin Thurn: Eigentlich ist die zentrale Botschaft: Leute, kümmert Euch um Qualität! Mäßigen ja, aber durchaus in dem Sinne, einen persönlichen Lebensgewinn davon zu haben. Momentan verkommt unsere Esskultur zu so einem „Nebenbei-Ding“. Davon haben wir auch einen Nachteil, nicht nur gesundheitlich, sondern die reine Esskultur betreffend. Da geht es um Gemeinschaft. In unserer hektischen Zeit bleibt dazu kaum mehr Raum. Wenn man sich wieder mehr um Qualität kümmert, dann gewinnt man eine neue Lebensqualität – und als Nebeneffekt schmeißt man weniger weg. Es geht um Wertschätzung, nicht darum den Zeigefinger zu heben nach dem Motto: Du musst sparen, um das Weltklima zu entlasten. Ich glaube nicht, dass sich dadurch Ernährungsgewohnheiten verändern lassen.

Redaktion: Meinen Sie denn, das von der Botschaft schon was angekommen ist?

Valentin Thurn: Ja, ich spüre das. Wir touren durch die Lande, durch die Kinos, aber auch zu anderen Veranstaltungen. Viele Partner sind Verbände wie Brot für die Welt oder Slowfood. Aber es sind auch ganz viele nicht organisierte junge Leute. Kürzlich war ich bei einer Aktion, einem Exchange-Dinner. Das war ein kleiner Tisch gedeckt für 30 Personen, wunderschön mit Kerzen beleuchtet. Zu essen gab es Lebensmittel, die eigentlich zur Vernichtung bestimmt waren. Das ist eine politische Aktion auf einer ganz kleinen, privaten Ebene – und davon gibt es ganz viele. Von der Stadtgarten-Initiative bis zur Lebensmittel-Kooperative. Da entsteht eine ganze Bewegung, das macht mich schon hoffnungsvoll. Es gibt einen Mengetrend unter jungen Leuten, die wissen wollen, wo ihr Essen herkommt. Natürlich gibt es auch nach wie vor noch einen anderen Trend, der heißt: billiger, billiger, billiger. Der ist sehr breit, deshalb müssen wir ihm etwas entgegensetzen.

Redaktion: Sie haben gesagt, sie sind hoffnungsvoll. Der Film endet ja auch ein bisschen so. Bienen und Hühner auf den Dächern News Yorks oder organisierte Tafeln gegen die Lebensmittelverschwendung – ein Tropfen auf den heißen Stein oder wirklich ein Lichtstreifen am Horizont?

Valentin Thurn: Es gibt ganz klar in dieser Bewegung auch politische Forderungen. Aber wenn wir immer auf die Politik warten würden, dann können wir lange warten. Ich glaube an die Kraft der kleinen Schritte. Wenn ich zum Beispiel bei einem Stadtgarten-Projekt auf irgendeinem Dach oder einer Brachlandschaft Salat pflanze, kann ich davon keine ganze Großstadt ernähren. Aber es führt zu einem mentalen Wandel, den man nicht unterschätzen sollte. Ich habe mit Leuten gesprochen, die einen Sommer bei einem Stadtgarten-Projekt mitgemacht haben. Sie haben gesagt, das hat ihr Einkaufsverhalten über Jahre hinweg verändert. Darum geht es! Oder Kinderkochkurse. Das hört sich erstmal klein und niedlich an, aber es ist die Basis. Denn wenn wir unseren Kindern nicht mehr beibringen, wie sie mit frischen Lebensmitteln kochen können, lernen sie auch nicht, wie sie zum Beispiel Reste verarbeiten, wie sie vorausschauend planen. Wenn nur noch vorportioniert gegessen wird, dann wird auch entsprechend viel weggeworfen.

Redaktion: Eine letzte Frage: In Ihrem Kühlschrank sind noch drei matschige Tomaten, ein Stück harter Käse, ein abgelaufenen Becher Sahne und ein Glas Pilze. Was machen Sie daraus?

Valentin Thurn: Bei dem abgelaufenen Becher Sahne würde ich erst einmal dran riechen, der wird oft noch gut sein. Und zwar auch noch Wochen nach dem Ablaufdatum! Mit Sahne kann man auf jeden Fall schon mal was Wunderbares machen. Käse ist auch super, je härter der ist, desto besser lässt der sich reiben. Eine Käse-Pilz-Pfanne ist ja damit schon gezaubert. Wenn die Tomaten leicht faulig sind, würde ich sie nicht mehr essen wollen, ansonsten gibt das eine herrliche Tomatensauce. Ein wenig eingedickt gibt das dann so etwas wie angebratene und überbackene Pilze mit Tomatensugo.

Redaktion: Hört sich lecker an.

Valentin Thurn: Ja definitiv!