Weltretter aus der Wirtschaft

Weil sich Konsumenten ein gutes Gewissen kaufen wollen, verpassen sich Großkonzerne einen grünen oder sozialen Anstrich 

von Kathrin Hartmann

 

Mit Fischstäbchen essen rettet man die Weltmeere, mit Bier trinken den Regenwald und mit Windeln Menschenleben: Wenn man heute einkaufen geht, könnte man meinen, die Weltrettung stünde unmittelbar bevor. Es gibt kaum ein Unternehmen, das nicht seine „Verantwortung“ auf der Internetseite betont oder ein Produkt auf den Markt gebracht hätte, das den Anforderungen ethischer Konsumenten genügt. Lifestyle of Health and Sustainability – kurz: Lohas – heißt der ethisch verbrämte Shoppingtrend. Die Idee ist einfach: Wenn genug Menschen ökologische und sozialverträgliche Produkte kaufen, stellen Unternehmen nur noch „gute“ Produkte her. Dass der Kunde begreift, wie seine Waren hergestellt werden und was dies für Folgen hat, darauf arbeiten NGOs seit Jahrzehnten hin, um mit öffentlicher Empörung Druck auf die Politik auszuüben, Gesetze zu etablieren, die die Unternehmen zum umwelt- und sozialverträglichen Wirtschaften zwingen. Eine politische Bewegung ist Lohas nicht. Es gibt keine homogene Gruppe, die nach verbindlichen Grundsätzen handelt und keine politischen Ziele. Eine lose Sammlung individueller Konsumentscheidungen, die nach selbst gewählten ethischen Kriterien erfolgt, hat aber keinen Einfluss auf ein großes Ganzes. Schon deshalb nicht, weil der ethische Konsum keine kritische Masse erreicht. Laut einer Studie der EU-Kommission wissen zwar 86 Prozent der Menschen in den wohlhabenden Ländern, welche Rolle ihr Verhalten beim Umwelt- und Klimaschutz spielt. Doch für drei Viertel kommt eine Änderung des Lebensstils nicht in Frage. 

Trotzdem stellen die Unternehmen ethisch veredelte Produkte ins Regal: Iglo-Fischstäbchen aus überfischtem Alaska-Seelachs, von deren Erlös an Meeresschutzprojekte gespendet wurde. Pampers, von denen pro Packung einem Kind in Afrika eine Polio-Impfung spendiert wird. Das „Öko“-Putzmittel Terra Activ von Henkel, das aus Palmöl von Ölpflanzen besteht, die auf gerodetem Regenwaldboden wachsen. Autos, für deren Kauf der Händler von Kindern Bäume pflanzen lässt. Und weil McDonald’s, der weltgrößte Verarbeiter von Rindfleisch, sein Firmenschild grün anmalt, ist auch Burger essen praktizierter Umweltschutz.

„Greenwashing“ nennt sich das PR-Geschäft, das suggeriert, dass selbst dreckigste Produkte öko sind. Das Problem ist nicht die Täuschung, sondern die Bequemlichkeit der Kunden. Die Unternehmen machen es ihnen gern möglich, einfach zum „guten“ Produkt greifen zu können. Damit lässt sich ein gutes Geschäft machen. „Gutes Gewissen“ ist das neue emotionale Attribut der alten Warenwelt. Doch die Sehnsucht nach gutem Gewissen sucht nicht nach allgemeinen Lösungen, sondern individuelle Erlösung.

Aber leider gibt es nicht für jedes Produkt einen korrekten Ersatz, sondern meist nur die bessere Alternative. Der Kunde kann sich oft nur für ein ethisches Kriterium entscheiden – kauft aber alles, was am Produkt hängt, mit. Wer bei Lidl bio und fair kauft, unterstützt trotzdem die schlechten Arbeitsbedingungen und das Preisdumping des Konzerns, der Lebensmittelproduzenten weltweit in Armut hält. Wer sich bei Adidas Recycling-Schuhe kauft, spart vielleicht Ressourcen, akzeptiert das Elend in den Sweatshops, in denen der Konzern produzieren lässt. Wer Bio-Baumwollenes bei H&M oder C&A kauft, kauft gleichzeitig die entsetzlichen Zustände auf den pestizidverseuchten Baumwollfeldern mit, von denen das Material für die Masse an Billig-Kleidern in einer anderen Abteilung des Ladens stammen. Und dass der Rohstoff bio ist, bedeutet leider überhaupt nicht, dass die Menschen, die die Kleider in anderen Entwicklungsländern weben, färben und zusammennähen, von ihrem Lohn leben können. 

Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem. Damit Dinge nur punktuell ändern zu wollen, macht es nur schlimmer. Kinderarbeit zum Beispiel lehnen Verbraucher sämtlich ab. Deshalb haben Süßwarenhersteller wie Mars und Nestlé ihren Zulieferern verboten, Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten zu lassen. Laut einer Studie der NGO Südwind hat das die Lage der Bauern verschlechtert: sie haben deshalb weniger Erträge und bekommen noch weniger Geld. Kinderarbeit ist in Entwicklungsländern eine wirtschaftliche Notwendigkeit: weil Konzerne nur niedrigste Löhne zahlen, reicht das Geld nicht zum Überleben, wenn nur die Eltern arbeiten.

Das ist der Zynismus der Konsumentendemokratie: sie wirft die Probleme der Welt auf einen Markt, die Unternehmen werfen ihre Lösungen in Form von Produkten dazu, der Kunde darf entscheiden, ob ihm der Zustand der Welt am Herzen liegt und was er dafür zu zahlen bereit ist. Nur sind Angebot, Nachfrage und Weltprobleme nicht deckungsgleich.

Was nutzt ein Öko-Putzmittel, das den Regenwald zerstört? Was nutzt Bio-Gemüse im Discounter, wenn das konventionelle daneben im Pestizidregen andalusischer Gewächshäuser geerntet wird? Was nutzt ein Bio-Baumwoll-T-Shirt, das in Sweatshops genäht wird? Und warum werden die Verhältnisse in der Welt immer schlimmer, obwohl Unternehmen schon seit Jahren „Verantwortung“ übernehmen? 

Unternehmen sind keine Personen, die aufgrund von Erkenntnis ihr Handeln ändern. Sie arbeiten innerhalb der Strukturen einer Konkurrenzwirtschaft. Darin lässt sich umso mehr verdienen, je billiger gekauft und hergestellt wird. Das geht am besten da, wo man auf Menschenrechte und Umweltschutz keine Rücksicht nehmen muss. Es ist ein von Konzerninteressen geleitetes globales Wirtschaftssystem, das all dies möglich macht. Ändern können das nur Gesetze, nicht das moralische Wohlgefühl westlicher Konsumenten – und schon gar nicht Konzerne, die von diesen Strukturen profitieren. Wer glaubt, dass Unternehmen nur nach Kundenwünschen schielen, täuscht sich: die Wirtschaft ist deshalb so mächtig, weil sie ihre Anliegen in die Politik trägt. Aber anstatt diesen Einfluss mit demokratischen Mitteln zu schwächen, delegieren ethische Konsumenten Gesellschaftsdebatten an die PR-Abteilungen der Konzerne. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Konzerne stellen eine Gutes-Gewissen-Infrastruktur bereit, die Konsumenten belohnen sie mit ihrem Einkauf, anstatt sie zu kritisieren. Es ist ein Ablasshandel, unter dessen grünem Mantel alles bleibt, wie es ist: die Unternehmen behalten ihre verheerende Wirtschaftsweise, die Konsumenten ihren aufwendigen Lebensstil.


Kathrin Hartmann ist Autorin des Buchs „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“ (Blessing Verlag, 16,85 €)

Blog: http://www.ende-der-maerchenstunde.de