Nachhaltigkeit in der Praxis

Wo junge Menschen zu Forschern und Weltgestaltern werden

Im August 2012 öffnet im Berliner Stadtteil Weißensee eine Schule der besonderen Art. Das Bilinguale Gymnasium wird im Rahmen der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ gegründet und erhielt bereits eine Auszeichnung vom Deutschen Nachhaltigkeitsrat. Im Interview spricht die leitende Schulkoordinatorin Dr. Uta Schorlemmer über das Gestalten der Welt, ein Ziegenpaar im Schulgarten und darüber, warum die Schule der Zukunft mutige Visionäre braucht.

Redaktion: Im August startet Ihre „Schule der Zukunft“ – was unterscheidet sie von anderen?

Uta Schorlemmer: Unter Schülern und Pädagogen wird ein Spruch kolportiert, der die Unzufriedenheit vieler mit der Schule von heute erfasst: „Schüler von heute werden in Schulen von gestern, von Lehrern von vorgestern, mit Methoden von vorvorgestern, auf die Probleme von morgen vorbereitet.“ Der internationale Koordinator der PISA-Studie, Andreas Schleicher, hält dem seine Vision einer „Schule der Zukunft“ entgegen: „Sie bereitet auf ein gesellschaftliches und berufliches Leben vor, das wir heute noch nicht kennen, auf Technologien, die erst morgen erfunden werden, und hilft, Herausforderungen zu bewältigen, von denen wir heute noch nicht wissen, dass es sie gibt.“ Das wollen wir probieren. Wir haben eine  partizipative Ausrichtung. Schule muss den Kindern Methoden an die Hand geben, mit denen sie die Gegenwart erforschen können, um zu lernen, was man wie besser machen kann. Das Verhältnis von Schülern und Lehrern sollte das von forschenden Partnern sein, wobei der Lehrer ein Impulsgeber bleibt. 

Redaktion: Haben sie ein Beispiel parat, wie an Ihrer Schule gearbeitet wird?

Uta Schorlemmer: Na klar. Wir wollen mit dem Gymnasium eine internationale Schule werden. Und zwar in einem Bezirk, in dem gegenseitiger Respekt leider nicht unbedingt an der Tagesordnung ist. Kinder sollen lernen, Lokales und Globales miteinander zu verbinden. Das erste Schuljahr steht unter dem Motto „White Lake International “ und soll suggerieren: Wir leben hier an einem Ort, an dem ähnlich viele Nationalitäten aufeinandertreffen wie an einem internationalen Flughafen. Die Schüler setzen sich mit diesem Thema auseinander,  welche positiven Möglichkeiten es für Gegenwart und Zukunft gibt. Beispielsweise in dem Projekt der 7. Klasse „Gesichter, Geschichten, Geheimnisse“, in dem Schüler Bewohner des Bezirks Weißensee nach ihren Lebenswegen befragen und aus diesen Erinnerungen zusammen mit der Künstlerin Ixmucane Aguilar eine interaktive Wanderausstellung entsteht.

Redaktion: Das passt zu Ihrem Anspruch, dass in den Klassen Weltbürger heranwachsen sollen. Wie geht das vom Schreibtisch aus?

Uta Schorlemmer: Das fängt mit dem eigenen Denken und Selbstverständnis an. Viele Kinder, die sich bei uns anmelden, waren schon auf Reisen oder sind mehrsprachig aufgewachsen. Es geht aber vielmehr um die Frage: Bin ich Konsument oder Gestalter der Welt? Es geht darum, verschiedene Sichtweisen verstehen zu lernen und daraus Folgerungen für das eigene Leben zu ziehen. Es ist gut und wichtig, sich der kulturellen Vielfalt – auch vor der eigenen Haustür – zu stellen und sie zu verstehen. Die Schule ist kein Elfenbeinturm!

Redaktion: Das Besondere: Sie bieten das Fach „Kunst der Nachhaltigkeit“ an? Was bedeutet das in der Praxis?

Uta Schorlemmer: Die „Kunst der Nachhaltigkeit“ ist das Kernstück unserer Schule. Es ist ein interdisziplinäres Fach, in dem alle anderen Fächer eine Rolle spielen können. Die Schüler selbst setzen die Themen, wobei diese mindestens zwei Fächer betreffen müssen. Die Kinder bereiten die Projekte vor, die auch außerhalb der Schule umgesetzt werden können. Es geht von Anfang an um eigene Forschungs- und Erfahrungsprozesse und darum, ein Thema in seiner Komplexität zu erfahren.

Redaktion: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Uta Schorlemmer: Stichwort Klimawandel. Die Schüler können sich aus diesem großen Feld einen Aspekt aussuchen, der Sie interessiert. Sagen wir mal, das Thema „Ernährung“. In diesem Fall spielen die Fächer Biologie und Sozialkunde eine Rolle. Das Thema ragt aber auch in das Fach Geschichte hinein, wenn man sich zum Beispiel fragt, wie die Menschen im Mittelalter angebaut und gekocht haben. Das wären in diesem Fall drei Fächer, über die sich die Schüler das Thema erschließen, es erforschen. Im zweiten Schritt geht es darum, dass sie das Darstellen lernen – zum Beispiel ihr Wissen durch einen Vortrag oder eine Ausstellung an andere Schüler weitergeben. Um bei der Interdisziplinarität zu bleiben: Sie kommen dann beispielsweise zu mir als Deutschlehrerin und können herausfinden, wie das geht mit der richtigen Rhetorik. Wir Lehrer untereinander arbeiten da eng zusammen. Schüler sollen ihr eigenes Lernen in die Hand nehmen – sie sollen wirklich zu Forschern werden! Sie sollen lernen, Dinge in größere Kontexte einzuordnen, denn Nachhaltigkeit heißt auch, komplex denken zu können. 

Redaktion: Forschen, vernetzt denken, lernen durch lehren, zweisprachiger Unterricht – hört sich an, als bräuchten sich Ihre künftigen Schüler keine Berufssorgen machen?

Uta Schorlemmer: Wir wollen den Graben, den es zwischen Abi und Uni gibt, überbrücken. Die Schüler werden auf jeden Fall einen guten Berufseinstieg haben! Schon während ihrer Zeit in der Schule erhalten sie viele Möglichkeiten, berufliche Erfahrungen zu sammeln. Sie gehen viel raus, machen Praktika, die auf den Unterricht zurückwirken sollen. Es geht darum, zu entdecken, was die Inhalte aus der Schule mit der Gesellschaft zu tun haben. Und es geht natürlich auch darum zu entdecken, was man selbst gut kann, wo die eigenen Begabungen liegen. Denn jedes Kind hat welche!

Redaktion: Das hört sich alles toll an. Gibt es etwas, was Ihre Schüler nicht lernen?

Uta Schorlemmer: So viel steht fest: Es lernen alle viel, auch voneinander, aber nicht alle das Gleiche, weil sie ihre Schwerpunkte in einem gesetzten Rahmen selbst setzen und erarbeiten. Was unsere Schüler nicht lernen, ist Schubladendenken und Ignoranz – das sollte bei uns keine Rolle spielen!

Redaktion: Stichwort Ernährung: Die ist ja nicht nur Dekade-Schwerpunkt in diesem Jahr, sondern auch wichtiges Thema an Ihrer Schule. Es gibt bei Ihnen gibt eine Kochkunst-AG. Worin besteht die „Kunst“?

Uta Schorlemmer: Es geht darum, Dinge miteinander zu kombinieren, bei denen man denkt, dass sie nicht zusammen passen. Improvisation! Wir werden einen Schulgarten haben, der einen Blick in die Geschichte ermöglicht und beispielsweise Antworten auf die Fragen gibt: „Was ist hier im Mittelalter gewachsen?“ oder „Was aß man, als es weder Kartoffeln noch Tomaten gab?“ – Die hatte man nämlich noch nicht im Mittelalter. Auch hier wird natürlich wieder fächerübergreifend gearbeitet, es gibt beispielsweise eine Verbindung von Geschichte und Biologie. Die künstlerische Gestaltung und Verwertung von Nahrungsmitteln wird mit Analyse verbunden, zum Beispiel mit dem Erforschen der Frage: Was bewirkt gesundes Gemüse in meinem Körper oder welche Inhaltsstoffe braucht es für die Verarbeitung?

Redaktion: Viele Zutaten kommen direkt vom Schulgarten auf den Tisch. Welche Projekte haben Sie inspiriert?

Uta Schorlemmer: Verschiedene Urban Gardening-Projekte, von denen es ja auch hier in Berlin einige gibt. Viel anbauen auf wenig Platz und Gärtnern mitten in der Stadt, das finde ich toll! Wir haben schon viele Ideen für den Schulgarten, zum Beispiel ist der Physiklehrer erprobt als Ziegenhirt. In unserem Schulgarten soll es daher auch ein Ziegenpaar geben. Und auch Bienen wären toll!

Redaktion: Ökologisch korrekte Mittagessen, Bio-Snacks und Co. Was ist, wenn Schüler und Lehrer mal Hunger auf Schokolade und Pommes haben? 

Uta Schorlemmer: Das werden wir sehen. Die Pubertät ist ja ein Alter, in dem Ernährung oft ein schwieriges Thema ist – wenn Dinge verteufelt werden, sind sie umso interessanter. Das heißt nicht, das wir ungesundes Essen auftischen, weil die Schüler das toll finden. Aber unser Essen muss einfach so gut sein, dass sie gerne auf Pommes verzichten.

Redaktion: Eine Frage zum Schluss: Was ist Ihre Vision – wird es in Zukunft nur noch „Schulen der Zukunft“ geben?

Uta Schorlemmer: Die Reformen in Berlin gehen vielfach in die richtige Richtung. Wir als neue Schule haben natürlich den Vorteil, dass wir ohne Ballast starten können. Wir glauben an die Veränderbarkeit der Welt und beginnen mit der Schule! Veränderung wird uns vielleicht nicht immer sofort gelingen, aber wir packen es an! Schule wird sich verändern und tut es schon – aber dafür braucht es Visionäre, die mutig genug sind und die Mühe nicht scheuen, Schule anders zu gestalten als sie angeblich „schon immer war“!