Elf Fragen – Elf Antworten

von Dr. Gerd Rosenkranz

1. Der Atomausstieg scheint beschlossene Sache. Alles echt oder nur Scheingefechte?

Vieles echt. Kaum noch Scheingefechte. Trotzdem ist noch nicht aller Tage Abend. Vor allem in den Regierungsparteien gibt es nach wie vor Widerstand gegen den von der Parteiführung nach Fukushima eingeleiteten Kurswechsel. Verwunderlich ist das nicht: Denn Parteifunktionäre und einfache Mitglieder, die über Jahre hinweg inbrünstig für längere Reak-torlaufzeiten gestritten haben – und dafür an der so genannten Basis auch schon vor Fukushima viel „Prügel“ einstecken mussten – sollen nun mit demselben Engagement das Gegenteil vertreten. Spaß macht das nicht. Auf der anderen Seite gibt es auch diejenigen, die sich immer schon als Vertreter der traditionellen Energiewirtschaft in der Politik verstanden haben und das weiter tun. Die suchen jetzt nach Möglichkeiten, die Situation offen zu halten, bis sich die Wogen geglättet haben. 

2. Zehntausende sind gegen die Atomkraft auf die Straße gegangen. Können sie jetzt zuhause bleiben?

Hunderttausende! Und sie haben ihren Anteil an der Kehrtwende der Regierungsparteien, die ohne die Massendemonstrationen vor und nach Fukushima so nicht stattgefunden hätte. Das gute an der Demokratie ist ja, dass niemand dauerhaft gegen den erklärten Willen der Mehrheit regieren kann. Das bedeutet aber auch, dass der Druck aufrechterhalten bleiben muss, bis die Sache wirklich gelaufen ist. Wer in überschaubaren Fristen raus will aus dieser Hochrisikotechnologie, muss weiter auf die Straße gehen. Im Sommer macht es ja auch noch Spaß!

3. Die Energiekonzerne kostet der erneute Einstieg in den Ausstieg eine Menge Geld. Lassen die sich das gefallen?

Das kommt drauf an. Wenn der Atomausstieg von der Politik klug umgesetzt wird, werden sich die Atomkraftbetreiber fügen müssen. Klug hieße vor allem, dass das Ausstiegsgesetz, das am Ende beschlossen wird, nicht nur im Bundestag eine möglichst breite Mehrheit kriegen sollte, sondern auch vor dem Bundesverfassungsgericht bestehen können müsste. Leider gibt es da beim vorliegenden Entwurf ernsthafte Zweifel. Gegen ein juristisch wasserdichtes Ausstiegsgesetz würde wohl niemand vor Gericht ziehen. Denn die Konzernchefs wissen auch, dass ihr Ansehen in der Öffentlichkeit weiter sinkt, wenn sie sich jetzt radikal uneinsichtig zeigen. Wenn sie sich dennoch zu einer Klage entschließen, wird das für sie unschöne Folgen haben: Die Umweltverbände werden in einem solchen Fall nicht nur zu neuen Demonstrationen gegen die Unternehmen aufrufen, sondern auch alle Stromkunden zum Wechsel zu einem Ökostromer. Wenn einem solchen Appell hunderttausende, vielleicht Millionen folgen, tut das auch großen Konzernen richtig weh. 

4. Man hört und liest ständig, regenerative Energiequellen können nicht von jetzt auf gleich unseren Strombedarf decken. Was sagen Sie dazu?

Das können sie tatsächlich nicht vollständig von jetzt auf gleich. Sie müssen es aber auch nicht. Selbst dann nicht, wenn alle Atomkraftwerke im kommenden Jahr abgeschaltet würden. Denn wir verfügen in Deutschland ja auch noch über viele große Kraftwerke, in denen Kohle oder Erdgas verbrannt werden. Das ist nicht gut für das Weltklima. Aber der Weiterbetrieb dieser Kraftwerke und sogar der Betriebsbeginn einiger weiterer, die derzeit im Bau sind, ist möglich, ohne dass wir unsere mittel- und langfristigen Klimaziele dabei aus den Augen verlieren. Langfristig muss der Strom tatsächlich praktisch ausschließlich aus Erneuerbaren Energien kommen. Doch das ist eine Generationenaufgabe, die irgendwann zwischen 2030 und 2050 gelöst sein muss.     

5. Kohlekraftwerke galten lange Zeit als „igitt“. Jetzt sollen vielerorts für einen schnelleren Atomausstieg neue gebaut werden. Welchen Sinn macht das?

Sie sind weiter „igitt“. Aber wir müssen auch gar nicht zwischen dem Teufel Atomkraft und dem Beelzebub Kohlekraft wählen. Der Bau weiterer neuer Kohlekraftwerke ist unnötig. Über die bereits genehmigten oder im Bau befindlichen Kohlekraftwerke hinaus brauchen wir für den Übergang zu einer erneuerbaren Vollversorgung keine weiteren Kohlekraftwerke, aber noch eine begrenzte Zahl großer und kleiner Erdgaskraftwerke. Die haben den Vorteil, dass sie während ihres Betriebs viel weniger des Treibhausgases CO2 ausstoßen als Kohlekraftwerke und flexibler rauf und runter gefahren werden können. Das ist immens wichtig, um den wach-senden Schwankungen des Stromangebots aus Sonne und Wind „hinterherfahren“ zu können. Gaskraftwerke sind die wahre Brücke in das regenerative Zeitalter. 

6. Sogar die Kanzlerin empfiehlt den Kommunen, in die lokale Energieversorgung einzusteigen. Energiegenossenschaften sprießen vielerorts aus dem Boden. Darf bald jeder von sich sagen: Ich bin E.ON?

Die Energieversorgung in einer Kommune oder auch privat zu seiner eigenen Sache zu machen, ist zunächst einmal gut und zunehmend auch möglich. Sie schafft – wie die Ökonomen sagen – Wertschöpfung in ansonsten oft nicht übermäßig reichen Regionen unseres Landes. Weil die neuen Erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind aber auch Biomasse dezentral anfallen, ist es zudem vernünftig, sie auch dezentral „einzusammeln“ und zu nutzen, soweit das möglich ist. Allerdings können nicht alle auf absehbare Zeit Selbstversorger werden, zum Beispiel nicht in Ballungszonen wie Berlin. Sie müssen – voraussichtlich dauerhaft – einen Teil ihrer Energie aus der Umgebung aufnehmen.    

7. Während Deutschland aus der Atomenergie aussteigt, baut Europa von Frankreich bis Bulgarien neue Atomkraftwerke. Macht sich Deutschland zum Vorreiter oder Außenseiter?

Wir werden sehen, wie viele Reaktoren in Westeuropa noch gebaut werden. Momentan sind es genau zwei, einer in Finnland – der, wenn überhaupt, drei bis vier Jahre später in Betrieb gehen und mindestens doppelt so viel kosten wird wie geplant – und ein zweiter in Frankreich, bei dem es nicht viel besser aussieht. Es sind übrigens die ersten beiden Neubauten in Westeuropa seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren. Die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland werden nicht nur von der massiven Minderung des Katastrophenrisikos profitieren, wenn wir aus der Atomkraft aussteigen, sondern auch wirtschaftlich. Es sind ja schon heute nur 29 von etwa 200 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, die Atomkraft zur Stromerzeugung nutzen. Da fällt es schwer Außenseiter zu werden, wenn man aussteigt. Dass andere auf die Verheerungen in Japan nicht so konsequent reagieren, wie es sich hier in Deutschland anbahnt, ist sicher richtig. Trotzdem gibt es in vielen Ländern Bewegung. Wenn Deutschland als Wirtschaftsnation mit der Energiewende erfolgreich ist, werden andere folgen. 

8. Japan wird noch sehr lange mit den Folgen von Fukushima kämpfen. Währenddessen plant Indien das weltweit größte Atomkraftwerk – mitten im Erdbebengebiet. Wie passt das zusammen?

Ich war vor wenigen Wochen beruflich in Israel und der Ukraine. In beiden Ländern wird über mögliche neue Atomkraftwerke diskutiert (in Israel wären es die ersten). Die Tiefe und Informiertheit der Debatten dort entspricht in etwa der, die wir in Westdeutschland vor Tschernobyl also vor einem viertel Jahrhundert geführt haben. Und das, obwohl Tschernobyl in der Ukraine liegt. Das heißt, es gibt keine „Gleichzeitigkeit“ in der weltweiten Diskussion über diese Technologie. Aber die Debatte breitet sich aus, hoffentlich schnell genug. Dazu wird auch das langandauernde Leid der Japaner beitragen, das wir befürchten müssen. Wie groß es wird, ist jetzt, Anfang Juni, noch gar nicht absehbar.       

9. Weltgipfel Rio 2012. Wird sich Deutschland – mit dem Atomausstieg im Rücken – dieses Mal mit den eigenen Positionen besser durchsetzen?

Nicht nur mit dem Atomausstieg, wenn er denn gelingt. Sondern auch mit der Entwicklung bei den Erneuerbaren Energien, deren Anteil sich hierzulande ja im Strombereich in nur zehn Jahren von vier auf 17 Prozent mehr als vervierfacht hat. Uns geht der ganze Prozess der Energietransformation ja häufig noch viel zu langsam. Wenn Sie ins Ausland kommen, ernten Sie überall Bewunderung für eine Entwicklung, an der hier von beiden Seiten der Barrikade rumgekrittelt wird.  

10. Ist die Investition in „grüne Technologie“ eher ein Wohlstandsmotor oder eine Wohlstandsfalle?

Das ist schon jetzt – also ziemlich am Anfang der großen Transformation – eindeutig: Da werden Werte geschaffen und hunderttausende von Arbeitsplätzen. Die nationale Rechnung für den Rohstoffimport wird durch grüne Technologien jedes Jahr um Milliarden entlastet, nicht nur wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien, sondern beispielweise auch durch Effizienztechniken. Zur Wohlstandfalle kann diese Entwicklung nur werden, wenn wir dem Irrglauben verfallen, dass ein Überangebot an erneuerbaren Energiequellen uns immer noch mehr Wohlstand bescheren wird, der sich vor allem in materiellen Gütern ausdrückt. Wir leben weiter in einer endlichen Welt. Und zurzeit mit unserem Lebensstil auf ihre Kosten.       

11. Ein persönliches Bekenntnis. Atomausstieg: ja, nein, wann, wie?

Ja. 2017. Spätestens. Und ohne Hintertür.