Nachhaltigkeit in der Praxis

Über die globale Wirkung der Bio-Möhre

Food Crash – der Zusammenbruch des globalen Ernährungssystems scheint erschreckend greifbar. Für die nahe Zukunft stellt der international angesehene Fachmann für Ökolandbau, Felix zu Löwenstein, die zugespitzte These auf: „Wir werden uns entweder ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.“ Im Interview spricht der Autor über die globale Wirkung der Bio-Möhre, die versteckte Einsicht vieler Wirtschaftsbosse und einen Weg, den er niemals zurück gehen würde.

Redaktion: Herr zu Löwenstein. Sie fordern eine radikale Wende in unserem Ernährungssystem. Was bringt es einem hungernden Kind in Haiti, wenn ich eine regionale, saisonale Bio-Möhre esse?

Felix zu Löwenstein: Die Frage, wie wir uns ernähren, hat mit der Frage zu tun, welche Ressourcen verbraucht werden, damit unsere Nahrung zustande kommt. Denn diese sind weltweit endlich. Wir werfen zum Beispiel unglaublich viele Lebensmittel weg, bei deren Produktion Ressourcen der Weltgemeinschaft verbraucht werden. Ich meine damit Energie, den Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel oder den Import riesiger Mengen Futter für die industrielle Tierhaltung. Davon abgesehen müssen wir zu einem Zustand kommen, in dem sich möglichst viele Menschen auf der Welt in souveräner Art und Weise selbst ernähren. Ohne, dass sie darauf angewiesen sind, dass wir ihnen etwas übrig lassen. Beides hängt eng miteinander zusammen.  

Redaktion: Ein Beispiel aus dem Alltag: Sie stehen im Supermarkt und haben die Wahl zwischen einem Bio-Apfel aus Übersee und einem konventionellen aus dem Nachbarort. Welchen wählen Sie?

Felix zu Löwenstein: Wenn ich wirklich zu einem Systemwechsel beitragen möchte durch die Weise, wie ich mich ernähre, dann ernähre ich mich ökologisch. Wenn ich die Wahl habe zwischen dem regionalen und dem von Ferne hierher gebrachten ökologisch erzeugten Apfel, dann ist klar was ich wähle: den Regionalen. Wenn ich über „ökologische Landwirtschaft“ spreche, meine ich eine moderne, hochinnovative Landwirtschaft mit einem möglichst geringen input an Betriebsmitteln wie Dünger, Pestiziden oder Energie. Eines solche Landwirtschaft verschwendet keine Ressourcen, die nur endlich zur Verfügung stehen und  sie setzt auf natürliche Nährstoffkreisläufe.

Redaktion: Sie haben 1992 den Hof Ihrer Familie auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Was war der Auslöser?

Felix zu Löwenstein: Bei mir war es ein zunehmendes Unbehagen im Umgang mit Stoffen, die in der Natur eigentlich nichts zu suchen haben.

Redaktion: Zum Beispiel?

Felix zu Löwenstein: Chemische Pflanzenschutzmittel. Als mir eines Tages klar wurde, dass die Umstellung ökonomisch wie auch produktionstechnisch möglich ist, habe ich mir gesagt: Warum in aller Welt soll ich so weiter machen wie vorher?! Den Weg zurück würde ich nie und nimmer gehen wollen.

Redaktion: Zwischen all den mit Chemie und Zusatzstoffen versetzten Lebensmitteln sowie zunehmender Genmanipulation unserer Nahrung sind auch schon Bio-Produkte in die Kritik geraten. Wo ist überhaupt noch drin was drauf steht?

Felix zu Löwenstein: Ökologische Lebensmittelherstellung ist ein klar definierter Prozess. Das ist bei uns in Europa gesetzlich geregelt. Dass dieses Produktionssystem weiter entwickelt werden muss, weil es auch noch Defizite hat, ist gar keine Frage. Aber ich kann es nur weiter entwickeln, wenn ich dran bleibe. Und die Auswüchse der konventionellen Landwirtschaft zeigen ja, dass wir diese Alternative in Anspruch nehmen müssen.

Redaktion: Das heißt aber: Wenn Biosiegel nach EU-Verordnung draufsteht, dann kann man sich sicher sein, da ist „Bio“ drin?

Felix zu Löwenstein: So ist es. Selbstverständlich ist auch die Ökowelt nicht frei von der Möglichkeit, von Betrügern heimgesucht zu werden. Aber wenn jemand „öko“ draufschreibt und es ist „konventionell“ drin, dann muss er dafür in den Knast. Ökologische Nahrungsmittelerzeugung  ist nicht eine Frage von freiwilliger Ehrlichkeit, das wird kontrolliert und ist klar definiert.

Redaktion: „Food Crash“ ist ihrer Enkelin gewidmet – und allen anderen, denen wir eine Welt hinterlassen müssen, in der sie leben können. Was meinen Sie: Denken die großen Wirtschaftsbosse dieser Welt nicht an Ihre Enkel?

Felix zu Löwenstein: Ganz im Ernst: Ich glaube, dass die großen Wirtschaftsbosse dieser Welt – jeder für sich – durchaus auch wahrnehmen, dass es nicht so weiter gehen kann. Das Problem ist, dass die ökonomischen Zwänge und auch die politischen Zwänge enorm groß sind. Gerade bei den großen Unternehmen. Stellen Sie sich mal vor, Sie sind irgendwo in der Vorstandsetage und erklären Ihren Vorstandskollegen oder Ihren Aktionären: Ich musste leider auf ein bisschen Rendite verzichten, weil ich das ökologisch Richtige getan habe. Dann ist die Karriere am Ende. Deswegen muss der Druck dafür, dass die Einsicht in das richtige Handeln mündet, von uns Verbrauchern kommen. 

Redaktion: Mit Ihrem Buch haben Sie den Druck ein bisschen erhöht. Sie sind provokant, kritisch und haben auf vieles eine Antwort. Auf welche Frage haben Sie keine?

Felix zu Löwenstein: Ich habe keine Antwort darauf, wie wir die Politik dazu kriegen, diesen Wechsel in Gang zu setzen. Gegen all die enormen wirtschaftlichen Zwänge und das wahnsinnig viele Geld, um das es da geht. Aber ich bin auch nicht ohne Zuversicht, denn es tut sich in diesen Tagen eine ganze Menge. Es ist nicht nur „Food Crash“... das Buch reiht sich in vieles ein, was im Moment passiert.