Elf Fragen – Elf Antworten

von Prof. Dr. Mojib Latif

1. Der Atomausstieg scheint beschlossene Sache. Alles echt oder nur Scheingefechte?

Ich hoffe, dass das echt ist. Leider vergessen einige Politiker sehr schnell, was sie mal gesagt haben.

2. Zehntausende sind gegen die Atomkraft auf die Straße gegangen. Können sie jetzt zuhause bleiben?

Nein! Nur wenn der öffentliche Druck anhält, wird es wirklich zum Atomausstieg kommen. Man muss nicht unbedingt auf die Straße gehen, man kann ja auch beispielsweise auf Ökostrom umstellen oder sich anders für die regenerativen Energien einsetzen.

3. Die Energiekonzerne kostet der erneute Einstieg in den Ausstieg eine Menge Geld. Lassen die sich das gefallen?

Sie werden versuchen, sich irgendwie das Geld wiederzuholen. Wer aber so viele Milliarden mit der Atomkraft verdient hat, kann auch mal etwas zum Wohle der Allgemeinheit zurückstecken.

4. Man hört und liest ständig, regenerative Energiequellen können nicht von jetzt auf gleich unseren Strombedarf decken. Was sagen Sie dazu?

Das stimmt nur, wenn man alle Energie betrachtet. Die Atomkraft, die nur knapp ein Viertel unseres Strombedarfs deckt, können die regenerativen Energiequellen sehr schnell ersetzen. 

5. Kohlekraftwerke galten lange Zeit als „igitt“. Jetzt sollen vielerorts für einen schnelleren Atomausstieg neue gebaut werden. Welchen Sinn macht das?

Keinen. Wenn man auch die fossile Energie (wegen des Klimawandels) ersetzen möchte, dann haben wir bis 2050 Zeit. Und das ist auf jeden Fall möglich.

6. Sogar die Kanzlerin empfiehlt den Kommunen, in die lokale Energieversorgung einzusteigen. Energiegenossenschaften sprießen vielerorts aus dem Boden. Darf bald jeder von sich sagen: Ich bin E.ON?

Auf jeden Fall ist die dezentrale Energieversorgung sehr attraktiv, weil man dann die regenerativen Energien sehr effektiv nutzen kann.

7. Während Deutschland aus der Atomenergie aussteigt, baut Europa von Frankreich bis Bulgarien neue Atomkraftwerke. Macht sich Deutschland zum Vorreiter oder Außenseiter?

Zum Vorreiter! Erstens, weil Kernkraft gefährlich ist. Das hat die Katastrophe von Japan wieder einmal gezeigt. Zweitens, weil das Ölzeitalter zu Ende geht. Wer heute auf die regenerativen Energien setzt, stellt die Weichen dafür, auch in Zukunft bezahlbaren Strom zu haben. Und drittens, weil die sauberen Energien auch weiterhin ein Wachstumsmotor sein werden, und wir zudem einen technologischen Wettbewerbsvorteil gegenüber den jetzt zögernden Ländern haben werden.

8. Japan wird noch sehr lange mit den Folgen von Fukushima kämpfen. Währenddessen plant Indien das weltweit größte Atomkraftwerk – mitten im Erdbebengebiet. Wie passt das zusammen?

Gar nicht! Deswegen ist es so wichtig, dass Deutschland zeigt: „Es geht auch anders.“ 

9. Weltgipfel Rio 2012. Wird sich Deutschland – mit dem Atomausstieg im Rücken – dieses Mal mit den eigenen Positionen besser durchsetzen?

Auf jeden Fall. Das reicht aber nicht. Wir müssen es schaffen, dabei auch noch den CO2-Ausstoß zu senken. Erst dann werden wir glaubwürdig.

10. Ist die Investition in „grüne Technologie“ eher ein Wohlstandsmotor oder eine Wohlstandsfalle?

Wir können die Zukunft nicht gestalten mit der Technik von gestern. Die regenerativen Energien sind eine Wohlstandsperspektive für uns.

11. Ein persönliches Bekenntnis. Atomausstieg: ja, nein, wann, wie?

Ja. So schnell wie möglich, spätestens bis 2020. Und ohne irgendwelche verrückten Maßnahmen zur Vermeidung von CO2. Atomausstieg und vernünftiger Klimaschutz sind miteinander vereinbar.