Warum wir Wachstum für Wohlstand brauchen?

von Prof. Dr. Claudia Kemfert

Klimawandel, Ressourcenknappheit, Armut, Hunger, kein Zugang zu sauberem Trinkwasser oder Energie: die Wirtschaftswelt zeigt deutlich, dass es globale Fehlentwicklungen trotz – oder gerade- wegen des Wirtschaftswachstums gibt. Daher kommt derzeit die fast schon verstaubte Debatte, die zu Beginn der 70iger Jahre durch die „Grenzen des Wachstums“ angestoßen wurde, neue Bedeutung: Ist überhaupt der Ansatz des stetigen Wachstums der Richtige? Können wir uns also ein Wirtschaftswachstum noch leisten, kann unser Wirtschaftssystem die dringenden Probleme überhaupt lösen? Ist unser heutiges Wirtschaftssystem überhaupt in der Lage, globalen Wohlstand flächendeckend zu mehren und aufrecht zu erhalten?

Volkswirtschaftlich gesehen, ist das System der sozialen Marktwirtschaft sehr wohl in der Lage den Wohlstand zu vermehren. Selbst ein freier Welthandel kann den Ländern der Welt zu Wohlstand und Wohlergehen verhelfen. Allerdings hat die Finanzkrise auch deutlich gemacht, dass ungezügelte Gier, unvorteilhafte oder sogar falsche Spielregeln und Maßlosigkeit dazu geführt haben, dass das System zu größeren Ungleichverteilungen und somit in eine Krise führen kann.

Nicht das Wachstum an sich ist problematisch, es nur die Frage WAS wächst. Ungezügeltes Wirtschaftswachstum, welches einseitig endliche fossile Ressourcen verbraucht ist falsch. Wachsender Umweltschutz, wachsende Gesundheit, wachsender Zugang zu sauberem Trinkwasser und sauberer Energie hingegen ist wichtig und richtig. Der wachsende Einsatz von beispielsweise erneuerbarer Energien, klimaschonderer Mobilität, steigender Gesundheitsvorsorge sowie Techniken zur Herstellung von sauberem Trinkwasser kann für wachsenden Wohlstand sorgen. Und genau darum muss es gehen, wenn wir auch das globale Problem des Klimawandels mit Wirtschaftswachstum lösen können und müssen.

Wichtig ist, dass das Wirtschaftswachstum vom fossilen Energieverbrauch entkoppelt wird. Noch dringender ist es jedoch, das Wirtschaftswachstum nicht als Maßstab für Wohlstand zu definieren. Um dies zu erreichen, sind eine globale Politik, staatliche Korrekturen und eine gezielte Regulierungen notwendig.

Der Klimawandel schreitet unaufhörlich voran, da der Anteil der fossilen Energien and der Energieerzeugung immer weiter zunimmt. Stark wachsende Volkswirtschaften wie China, aber auch Russland und Indien verbrauchen immer mehr fossile Energie. Dabei werden etwa drei Viertel der weltweiten Treibhausgase von den entwickelten Volkwirtschaften wie USA, Europa und Japan verursacht. Insbesondere der stark steigende Kohleverbrauch lässt die Treibhausgase unaufhaltsam ansteigen. Dabei wird nicht selten der Verbrauch fossiler Energie subventioniert, was zu einer Verschwendung von Energie führt. Wir benötigen dringend eine CO2 freie, sichere und bezahlbare Energieversorgung, zudem innovative Antriebsstoffe und –techniken.

Das Wirtschaftswachstum bietet für den Umbau des Energie- und Mobilitätssystems tatsächlich die besten Voraussetzungen, denn es ermöglicht enorme Investitionsmöglichkeiten. Investitionen in Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Wasserwirtschaft, klimaschonende Energietechniken, Antriebsstoffe sowie nachhaltige Mobilität sind dringend notwendig. Das Wirtschaftssystem wird dies nicht automatisch von allein lösen können, dazu bedarf es Korrekturen, eine kluge Politik und Regulierung.

Wachstum bedeutet Bewegung. Wie ein Vogel, der fliegt. Wenn der Vogel aufhört, die Flügel zu schlagen, wird er abstürzen. Das kann niemand wollen. Wichtig ist jedoch, dass der Flug im Gleichgewicht bleibt und der Vogel gesund bleibt. Dann kann er sich ausreichend bewegen. Genau wie die Volkswirtschaft in Bewegung bleiben muss um nachhaltigen Wohlstand zu generieren.


Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. Claudia Kemfert war Beraterin von EU Präsident José Manuel Barroso und ist Gutachterin des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC).