Nachhaltigkeit in der Praxis

Kann urbanes Gärtnern die Welt verbessern?

Gemüseanbauen liegt voll im Trend. Gemeinschaftlich, versteht sich, und mitten in der Großstadt. Urbanes Gärtnern kann die Welt verbessern, sagt Christa Müller. Die Autorin von „Urban Gardening“ verrät im Interview mehr über die Rückkehr der Gärten in die Stadt.

Redaktion: Die Gärten kehren in die Städte zurück, schreiben Sie. Wann haben sie sich denn verabschiedet und wo waren sie in der Zwischenzeit?

Christa Müller: Verabschiedet haben sich die Gärten mit der Modernisierung nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Zeit des „Wirtschaftswunders“ wurden die Menschen von Selbstversorgern zu Konsumenten. Sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Möglich war das auch, weil die Politik dafür sorgte, dass Agrar- und Industrieprodukte subventioniert wurden. Besonders in Westdeutschland waren die Menschen nicht mehr darauf angewiesen, sich selbst zu versorgen. 

Redaktion: Und in Ostdeutschland?

Ch. M.: Dort gab es immer noch viele Nutzgärten. Vor allem, weil es mit der staatlich organisierten Verteilung von Waren nicht immer gut funktioniert hat. Das Gärtnern war damit eine Art Notproduktion – und nicht besonders hoch angesehen.

Redaktion: Erleben wir jetzt die Renaissance von Bohnenstange und Gartenzwergen?

Ch. M.: In den neuen Gärten gilt eher Zutrittsverbot für Gartenzwerge. Sie sind auch kein Rückzugsort mit Gartenzaun drum herum. Es geht definitiv um mehr als um Möhrenziehen. Die neuen Gärten sind urban. Sie sind keine Alternative zur Stadt, sie sind ein Bestandteil von ihr: ein Ort für die autonome Produktion von Lebensmitteln und ein Ort der Begegnung. Der urbane Garten wird reklamiert für Do-it-yourself, freies selbstbestimmtes Handeln, gemeinsames Gestalten, Experimentieren. 

Redaktion: Warum liegt Gärtnern so im Trend?

Ch. M.: Das hat verschiedene Gründe. Wissenschaftler sprechen bei Städtern von einem Naturdefizit-Syndrom. Man geht davon aus, dass die Ursache vieler Zivilisationskrankheiten, wie zum Beispiel Depressionen, mangelnde Naturerfahrung ist. Wir brauchen die Interaktion mit der Natur – das ist ein inneres Bedürfnis von uns Menschen. Urbane Gärten bieten die Möglichkeit für solche Erfahrungen. Dann muss man außerdem sehen, dass der neue Garten ein Gegenmodell zur Konsumgesellschaft ist. Der Garten verlangt uns Eigenschaften ab, die im neoliberalen Wirtschaftssystem kaum verankert sind.

Redaktion: Welche Eigenschaften sind das zum Beispiel?

Ch. M.: Geduld zum Beispiel, aber auch Kontemplation, Kreativität, Vertrauen in die Natur, Einlassen auf einen Prozess. Die neuen Gärten sind in vielerlei Hinsicht eine Antwort auf Probleme unserer Gesellschaft – und damit sind sie politisch. So sensibilisieren sie für den Wahnsinn der Welt-Agrarpolitik. Mit urbanen Gärten entstehen grüne Oasen mitten in der Stadt, in denen gesunde, lokale, klimaneutrale Lebensmittel ohne lange Transportwege produziert werden. Auf diese Weise wird auch ein anderer Bezug zur Ernährung möglich. Viele Leute haben heute einen hohen Anspruch an die Qualität ihrer Lebensmittel. Sie wollen nichts konsumieren, was auf Tierquälerei beruht oder aus Ländern kommt, wo Menschen verhungern. In diesem Bereich kann man tatsächlich mit der eigenen Hände-Arbeit etwas verändern. 

Redaktion: Neue Gärten, neue Gärtner? Wer buddelt in den Städten?

Ch. M.: Die neue Gartenbewegung ist eine junge Bewegung. Die Menschen dieser Generation wurden schon früh ins Visier der Werbebotschaften genommen und auf Konsum reduziert. Jetzt wächst das Bewusstsein: Wir haben auch zwei Hände, die wir benutzen können! Körperliche Erfahrung ist auch wichtig für die Entwicklung des Geistes. Das wird heute mehr und mehr verstanden.

Redaktion: Ich hab’ kein Geld und keinen grünen Daumen – was kann ich machen, wenn ich trotzdem gärtnern will?

Ch. M.: Man kann Initiativen gründen, Grundstücke suchen, sich in der Nachbarschaft vernetzen oder sich in bereits bestehenden und richtig großen Gemeinschaftsgärten engagieren. Ein gutes Beispiel für so einen Gemeinschaftsgarten ist der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg. Es gibt aber auch viele andere Formen wie Selbsterntegärten, Nachbarschaftsgärten oder Interkulturelle Gärten.

Redaktion: Eine zentrale Botschaft Ihres Buches ist „Eine andere Welt ist pflanzbar“ – Welche Welt würden Sie pflanzen?

Ch. M.: Eine, in der die Ausbeutung von Menschen auf anderen Kontinenten und die Ausbeutung der Natur ein Ende hat. Denn die Ausbeutung verursacht so viel Elend, sie tut auch uns als vermeintliche Nutznießer der internationalen Arbeitsteilung  nicht gut, weil sie uns abtrennt und die Welt, in der wir leben, unsicher und hässlich macht.